Gedanken

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein... (Faust, Goethe) -

oder was wir von unseren Kindern lernen können.“ 

by Sylvia F. Rodatz – Life Transformation Coaching, Den Haag 28.04.2021

 

Es ist sehr lange her, dass ich meine Familie in Deutschland besuchen durfte. Ich lebe in den Niederlanden und in der Corona-Zeit mit all ihren berechtigterweise existierenden Restriktionen ist es nicht einfach grenzübergreifend zu reisen. Plötzlich stellen Grenzen auch im Schengen-Raum tatsächliche Grenzen dar, gerade wenn das Land zu einem Risikogebiet oder Hochinzidenzgebiet erklärt wird.

 

Nun habe ich heute meine Familie in Deutschland angerufen. Ans Telefon ist mein 6-jähriger Neffe gegangen. Er hat sich vor kurzem den rechten Fuß gebrochen und bleibt jetzt zuhause, nicht zuletzt auch, weil es im Kindergarten wieder Corona-Fälle gab und seine Gruppe sich für 2 Wochen in Quarantäne befindet. 

Er geht dieses Jahr in die erste Klasse der Grundschule und ersetzt quasi im fliegenden Wechsel seinen älteren Bruder, der aufs Gymnasium geht. 

Mein kleiner Neffe freut sich darauf.

Er erzählt mir, dass sein Bruder auf PKG gehen wird.

Ich sage, dass das „G“ wahrscheinlich fürs „Gymnasium“ steht. 
„Wofür stehen denn das „P“ und das „K“?“ – frage ich.

Mein Neffe: „Das steht für Paul Klee.“ 

„Wow!“ – sage ich. „Das ist ja toll! Und weiß Du, wer Paul Klee war?“

Der Kleine schießt direkt raus: „Ja natürlich! Er war er ein Mensch! Und dann weiß ich aber, dass er auch ein Maler war.“ Diese Aussage des 6-Jährigen ließ mich kurz inne halten. 
Wir Erwachsene haben die Angewohnheit, wenn wir jemanden kennenlernen, nach dem Beruf zu fragen. Es ist so, als ob dieser Bereich des Lebens, auch wenn er ein bedeutender Teil des Lebens ist und zum Leben gehört, das alleinige und wichtigste Merkmal eines menschlichen Daseins wäre. Bei meinem Neffen steht der Mensch an der ersten Stelle, bevor der Beruf das Menschsein ergänzen darf.

„Und hast Du schon seine Bilder sehen können?“- frage ich. 

„Ja.“- sagt mein Neffe.

 „Und findest Du sie gut?“

„Ja, denke schon...“ – antwortet er. Ich bekomme das Gefühl, dass das Paul-Klee-Interesse bei meinem 6-jährigen Neffen doch nicht so überdimensional sein dürfte.

„Weiß du, was mich so richtig an seiner Malerei begeistert?“ – frage ich. „Es ist diese fantasievolle Welt, die er mit durchaus einfachen Figuren darstellt und in volle Farbe setzt. Dabei hat er es geschafft, nicht nur die Malerei, sondern die Kunst des vergangenen Jahrhunderts zu beeinflussen. Ich finde es wirklich toll und kann mir aufgrund meiner Begeisterung für Klee nun sehr einfach den Namen des Gymnasiums, auf welches dein Bruder geht, merken“.

„Das verstehe ich.“ – sagt mein Neffe. „Weiß du Tante, was mich am meisten begeistert?“ „Einfache und bunte Figuren haben meine Familie und meine Freunde auch auf meinen Gips gemalt. Das sieht richtig toll aus und immer wenn ich mir meinen Fuß anschaue, muss ich an sie denken und schmunzeln. Und weiß du, Tante, ich glaube, dass Menschen mir diese Herzchen und Bilder auf den Gips malen, weil sie mich erfreuen wollen. Und das finde ich toll, wenn man etwas für die anderen Menschen tut.“ 
Und er führt fort: „Mein Papa (Arzt) zum Beispiel, geht jeden Sonntag weg, um Menschen zu impfen. Und obwohl er müde ist, tut er das, damit Menschen wieder schneller sich gegenseitig sehen und sich knuddeln können. Und obwohl ich ihn immer sonntags vermisse, das tue ich wirklich ganz schlimm, weiß ich, dass die Impfungen wichtiger sind.“ „Ja, mich begeistert, wenn Menschen etwas für die anderen Menschen tun.“

 

Wie sprachlos und bewegt ich war, brauche ich nicht zu sagen.

Ein 6-jähriger Junge stellt seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurück, weil er es versteht, dass es ein größeres Ziel im Sinne der Lebensvision und Lebensaufgabe Viktor Frankl's gibt, welches für die Gesellschaft bedeutsam ist. Er verspürt die Notwendigkeit, diesem Ziel zu dienen und vermag es, mit seinen nur sechs Jahren sein Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung, nach seinem Vater, zurückzustellen, weil er die Nöten der anderen Menschen sieht und weiß, dass durch den Einsatz des Vaters erstmal ein großes Ziel – die mögliche Rückkehr zu Familien- / Freunde-Besuchen und zu dem Sich-in-den-Arm-nehmen-dürfen für ALLE – auf diese Weise erreichbarer scheint. Solch ein Maß an Altruismus bei einem 6-Jährigen berührte mich sehr. 

 

Und diesen Altruismus und das Mensch-Sein stellt mein kleiner Neffe über alles Andere. Er sieht den Altruismus anderer, und bewertet diesen als ein größeres Geschenk, als seine eigene Freude. Ein wahrlich großer 6-jähriger Mensch!

 

Gedanklich zurück in den Niederlanden beobachte ich ein paar Kinder auf der Straße, wie sie an den Türen verschiedener Häuser klingeln. Sie tragen größere Blumen-Bündeln.
Dann verstehe ich... in meinem Stadtteil gibt es viele ältere Menschen, die es momentan nur bedingt wagen, auf die Straße zu gehen. Niederlande sind nun mal ein Hoch-Inzidenz-Land. Diese Menschen sind einsam. Diese Kinder, die von Tür zu Tür gehen, klingeln und Blumen mit einem Lächeln verteilen, zeigen uns Erwachsenen auf ihre kindliche Art den einfachen und unkomplizierten Weg des Altruismus - für die Anderen da zu sein - ein hoffnungsvoller Akt der Menschlichkeit, der vielleicht auch nach Corona zur einen etwas besseren Welt beitragen wird.

 

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„Jeder Experte war einst ein Anfänger“                  

by Sylvia F. Rodatz, Life Transformation Coaching, Den Haag 12.04.2021

 

Eine Begegnung vor einigen Tagen hat mich nachdenklich gemacht. 
Zu einem bestimmten beruflichen Thema hatten wir in einer kleinen Experten-Runde eine Diskussion geführt. 
Der Begründer des zu besprechenden Ansatzes ist wahrlich eine Koryphäe auf seinem Gebiet und für den Ansatz auch bekannt. Ich nenne ihn mal Herr Connektikus.  

Die Diskussion war erkenntnisreich, lebhaft und angeregt. 
Bevor wir das Treffen abgeschlossen haben, sagte eine Teilnehmerin... dass wir nun wenigstens etwas aus Herrn Connektikus‘ Theorie auf unseren Lebensweg ja mitnehmen können, auch wenn keiner von uns je ein Herr Connectikus sein wird.

 

... hmm... habe kurz inne gehalten... und fragte mich, will man das sein...? Wozu sollte man dies wollen, jemand anders zu sein?
Diesen Gedanken hatte ich noch nie gehabt, dass ich jemand anders sein wollte, auch wenn diese Formulierung nur das Ergebnis eines Vergleichs des eigenen mit dem Erfolg eines Anderen ist. 
Oh ja, sehr viele Menschen inspirieren mich durch ihre Ideen, Erfolge, Lebensweg, Mut, Menschlichkeit, Weisheit, Kreativität, Spiritualität und vieles mehr und zwar jeden Tag und unentwegt. Einige von ihnen bewundere ich sogar. Und genau diese Bewunderung und Inspiration motivieren mich, machen mich neugierig, lassen mich nach neuen Wegen suchen, lassen neue Schwerpunkte definieren, lassen mich umso mehr Wissen gewinnen und somit besser die Zusammenhänge verstehen... Wie die Teile eines Puzzles, die sich immer mehr zusammenfügen und ein immer größeres Bild entstehen lassen... ich liebe dieses Gefühl.

Und auch das Bewusstsein, dass die Menschen, die mich auf diese wundersame Weise inspirieren, mal selbst mit kleinen Puzzle-Teilen anfingen, bevor diese bei ihnen zu einem großen Bild wurden, lässt mich meine Lebensreise zuversichtlich und voller Vertrauen angehen und bewusst genießen.

 

Dieses große Bild, das dabei entsteht, ist das Bild von mir, von Sylvia F. Rodatz, auch wenn inspiriert von Tausenden wunderbaren Individuen in dieser bezaubernden Vielfalt der Welt. Und ... es soll kein Bild von Herrn Connektikus werden. Denn Herr Connectikus hat möglicherweise andere Werte, Vorstellungen, Überzeugungen, andere Bedürfnisse, andere Vorlieben, doch andere Neigungen, vielleicht ja, eine ganz andere Lebensphilosophie, als ich. Eine Lebensphilosophie, die... wenn ich sie mir überstülpen würde, mich möglicherweise ganz unglücklich machte, weil sie nicht zu meiner Persönlichkeit passte, weil sie nicht in meinen Lebenskontext passen würde, weil... sie einfach zu groß oder zu klein, zu bunt oder zu trist wäre...und es gäbe Tausend Gründe dagegen... wer weiß? 
So ist das so wunderbar, ICH SELBST zu sein und meinen eigenen Weg zu bestimmen, das, was mich selbst interessiert, verfolgen, meine eigenen Werte und nach meiner Philosophie leben, mein eigenes Tempo bestimmen, selbst bestimmen wohin es gehen soll, selbst Einfluss nehmen, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung erleben und... Selbstvertrauen und somit eigenen Selbstwert entwickeln.

Trotz all der Vergleichsmöglichkeiten, die in allen Medien ständig greifbar sind, „ICH BIN OKAY“ und „JA“ zu mir sagen, fühlt sich gut an und ist ziel-führend, um in Selbst-Akzeptanz ein erfülltes Leben zu führen. 

 

Vielleicht war es nur eine Floskel, die die Teilnehmerin der Diskussionsrunde benutzte. Doch auch in diesem Fall... wohlwissend, dass unsere Sprache unsere Wirklichkeit bildet, würde ich vielleicht nachfragen, was es für sie bedeutet, Herr Connectikus zu sein. Denn dann wird es vielleicht für sie sichtbar, was sie sich für sich selbst wünscht... und vielleicht würde sie dann sehen, dass schon so viel von dem Gewünschten DA ist und alles Andere und viel mehr, was noch dazukommen soll, kann sie selbst und aus eigener Kraft erreichen. Mit dem gravierenden Unterschied, dass sie SELBST das gewünschte Ergebnis definiert, sodass sie vielleicht am Ende statt „Herr Connectikus“ eine „Frau Glücklich“ ist. 

 

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